30 May 2007, 22:34
Ferienmusik
Musik ist komisch. Da höre ich monatelang — mit kleinen Ausnahmen — die gleichen Bands, die gleichen Lieder und bin mir fast sicher, dass es das war mit dem Musikmarkt. Aus, vorbei, es kann keine Musik mehr erscheinen, die mich überrascht. Die Plattenfirmen können mit ihrem Gejammer über Umsatzeinbrüche aufhören und gleich Insolvenz anmelden. Danke für die Zeit, aber irgendwann ist auch mal gut.
Doch auf einmal blicke ich über den Tellerrand meines eingefahrenen Musikgeschmacks und entdecke eine Kapelle, die mich fasziniert und mir den Glauben an neue Musik wiedergibt. Der Name der Band lautet “Karpatenhund”.
Komisch daran ist nicht, dass ich immer wieder neue Musik entdecke, sondern dass ich immer wieder überrascht davon bin.
Das letzte Mal, als mir so etwas passierte, hiess die Band “Wir sind Helden”, ich hatte mich nach Monaten der Apathie dazu durchgerungen, in die “Guten Tag” EP reinzuhören. Kurz darauf lief “Denkmal” beinahe in einer Endlosschleife. Und gerade jetzt, zur Feier der Veröffentlichung des 3. Albums der Helden (das für meinen Musikgeschmack in eine falsche Richtung geht, aber das nur am Rande) tritt durch eine Verkettung von Zufällen eine andere Band ihre Nachfolge an.
Das erste Mal las ich über “Karpatenhund” in der Mai-Ausgabe des Rolling Stone und dachte mir “Hm, klingt interessant, das muss ich mir mal anhören.” (Der grösste Zufall hier ist, dass ich die Mai-Ausgabe des Rolling Stone tatsächlich schon im Mai durchgelesen habe. Mein Backlog an Rolling Stone-Ausgaben reicht bis in den Mai 2005 zurück). Als nächstes lief mir der Name der Kapelle in dem Samstags-Bühnenprogramm des Schlossgrabenfests über den Weg und ich erinnerte mich sogar noch, dass ich über die Band im Rolling Stone gelesen hatte. Also hörte ich mir 30-Sekunden-Schnipsel ihrer Lieder bei iTunes an und kaufte mir daraufhin die Vollversionen. Zwei Album-Durchläufe später war die Entscheidung gefallen: Komme was wolle, ich höre mir Karpatenhund live an.
Und es kam. Und es wollte. Von Hitzewelle zu reden würden sich bei 5 Tagen mit Temperaturen Nahe der 30 Grad wahrscheinlich nur Journalisten trauen, aber es war schon warm. Und schwül. Und für Samstag war neben dem Live-Auftritt von Karpatenhund (21:45) und Virginia Jetzt! (23:45) auch ein Gewitter (idealerweise 21:45-23:55) angekündigt. Die Uhr zeigte 21:10, Dank strategisch platzierter Webcams konnte ich verfolgen, wie die “5Bugs”, laut Programm eine Band der Stilrichtung “Punk-Rock” die Bühne verließen und mit den Umbauten für Karpatenhund begonnen wurden. Also zog ich mir meine Hose über und Schuhe an, warf nochmal einen prüfenden Blick aus dem Fenster und sah: die ersten Regentropfen. Natürlich. Von Kleinigkeiten ließ ich mich aber nicht beeindrucken und stürmte voller Zuversicht durch das Treppenhaus zur Haustür. Das Wetter gab sich aber auch nicht so einfach geschlagen und liess mit einem Timing, von dem sich deutsche Comedyautoren noch eine gehörige Scheibe abschneiden können, just mit dem Öffnen der Haustür den ersten Donner ertönen.
Mit einem verwegenen Lächeln auf den Lippen ließ ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen und marschierte los in Richtung Bühne. Mein Weg führte mich zum Glück über die Wohnung von Freunden, die 1. mich begleitet haben und mir b) einen Schirm leihen konnten, so dass ich nur zu 66% durchnässt wurde, denn inzwischen wurde aus den ersten Tropfen und einem leichten Donner ein ausgewachsenes Sommergewitter mit Platzregen und Blitzen im Minutentakt.
Auf der positiven Seite hatten wir so einen hervorragenden, drängelfreien wenn auch etwas feuchten Blick auf die Bühne. Karpatenhund standen auf der trockenen Bühne (Puns wie “begossener Pudel” erspare ich mir an dieser Stelle) und spielten ein sehr gutes Konzert mit leicht verbesserungswürdigen, liebenswürdigen Ansagen (NB: “Results 1 – 10 of about 810 for karpatenhund charmant.” — Ja, das Wort passt irgendwie, klingt mir aber deutlich zu sehr nach Musikmagazinredakteurschublade. Liebenswürdig ist ein Kompromiss, mit dem ich leben kann). Trotz des andauernden Regens tollten besoffene Jugendliche in der Nähe der Bühne umher, brüllten etwas weiter hinten Sätze wie “ICH BIN BEI DER ELEKTRO, MANN” in ihre Trendmobiltelefone und beachteten ältere Säcke Jahrgänge wie mich, die weiter hinten (direkt vor der Eletro, Mann) mit dem Regenschirm leicht wippend sowie einem seligen Lächeln im Geiste das Geschehen verfolgten und einen schönen Abend verbrachten, nicht weiter (Falls Du, Leser, jetzt verwirrt bist: “nicht weiter” bezog sich auf “nicht beachten” weiter vorne im Satz.)
Pünktlich zum Ende des Sets nahm auch der Regen ab, und ich ging durchnässt, aber durchaus glücklich nach Hause, zog trockene Kleidung vor und an in dem sicheren Glauben, dass Virginia Jetzt! nicht besser sein konnte als der gerade erlebte Auftritt.
Und das war mein schönstes Ferienerlebnis.
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